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31. August 2025

neurostyle

Musik. Einfach gute Musik.

Goethes Erben: „Dystopie frisst Empathie“ – die letzte Reise, dritter Akt. Mit Unfarben als Kontrastmittel.

Goethes Erben Tour 2026

Goethes Erben Tour 2026

Man kann das Projekt „Goethes Erben“ auf viele Arten beschreiben – als Musiktheater, als Noir-Kammerstück mit Sequencer-Puls, als radikale Spoken-Word-Schule mit Streicher-Flashs. Vor allem aber sind Goethes Erben seit jeher ein Gefühl: dieses Ziehen in der Magengegend, wenn ein Cello eine Tür aufstößt und Henke Sätze sagt, die eher schneiden als trösten. Genau dieses Gefühl tourt weiter. Und zwar mit Ansage: „Dystopie frisst Empathie“ – so heißt die mehrjährige Abschiedsdramaturgie, die im März 2026 in die dritte Runde geht. Ein Endspiel, klar. Aber eines, das sich weigert, nur Rückblick zu sein.

Rückschau? Ja. Stillstand? Niemals.

Seit 2025 läuft dieses Kapitel als episodische Tour, in Etappen gedacht – jede mit eigener Setlist, eigener Inszenierung, eigenen Reibungsflächen. Mal die große Bühne mit Projektionen, Lichtdramaturgie und tänzerischer Körperarbeit, mal das direkte Setting, wo man die Atempausen zählen kann. Es ist eine Archivöffnung ohne Archivstaub: Die Erben spielen tief in ihre Vergangenheit hinein, aber sie greifen auch nach Momenten, die nur hier entstehen – Stücke, die live geboren werden und live verglühen. Kein Datenträger, kein Replay. Kunst als Risiko, mitten im Saal.

Dass das Studio-Kapitel mit X formal abgeschlossen ist, macht diese Konzerte nicht leiser – es macht sie notwendiger. Wer sich von Goethes Erben noch einmal an die Wand spielen lassen will, findet hier das passende Szenario: Zwischen Neoklassik und Industrial-Flirren, zwischen Pianokühle und Metallperkussion, zwischen Bass-Schleifspur und Gitarrenkratzern entfaltet sich der typische Erben-Kosmos – und der bleibt live nun mal am gefährlichsten. X war das zehnte (und finale) Studioalbum. Die Bühne ist jetzt das Medium, der Abend der Tonträger. One night only – aber mit Nachhall bis weit nach draußen.

Die Körper sprechen mit: Ida Gross und das Bild im Klang

Eine große Stärke dieser Inszenierungen ist nicht nur der Text, sondern die Bewegung im Text. Ida Gross – Tänzerin, Blickfängerin, Scharnierfigur – macht aus Henke-Zeilen körperliche Vektoren. Ein Schritt wird zum Komma, ein Sturz zur Pointe, eine scharf abgebrochene Geste zur Klammer. Das ist kein Beiwerk, sondern Partitur im Raum: Wenn Percussion und Projektion anspringen, „spricht“ der Körper – und manchmal sagt er Dinge, für die die Sprache zu bequem wäre. Auf den großen Bühnen ist Ida Gross integraler Teil der Erzählung; dort, wo die Shows intimer angelegt sind, verschiebt sich der Fokus – nicht weniger intensiv, nur anders kalibriert.

Die Live-Besetzung: sechs Menschen, ein Organismus

Die aktuelle Formation arbeitet wie ein Uhrwerk, das gelegentlich bewusst aus dem Takt fällt, damit es ein Mensch bleibt. Die Besetzung:

  • Oswald Henke – Worte
  • Tom Rödel – Keyboards
  • Markus Köstner – Schlagzeug, Metall
  • Benni Cellini – Cello
  • Dome Siemers – Gitarren
  • Cornelius Sturm – Bass

Elektronik und Schlagwerk zeichnen die Konturen, Cello und Gitarre legen die Schatten, Bass und Tasten gießen das Ganze in Bewegung. Darüber – oder mittendrin – Henke. Der Mann, der aus „Worte“ Hooks macht, die keine Hooklines sind, sondern Markierungen im Kopf. Mal spricht er, als würde er eine Falltür öffnen, mal drängt er die Stimme in einen tonlosen Zorn, der die Halle enger macht. Und dann wieder diese stillen Stellen, in denen die Luft glitzert, bevor die nächste Klangwelle drüberfegt.

„Dystopie frisst Empathie“: Was heißt das eigentlich live?

Natürlich ist der Tourtitel Kommentar. Aber auf der Bühne wird er zum Modus. Die Erben zeigen keine Weltuntergangsbilder zum Mitnehmen, sondern fragen: Wo genau tut’s weh? In welchen Fugen unseres Alltags sitzt der Riss? Diese Shows funktionieren wie eine forensische Untersuchung im Scheinwerferlicht: Man hört Puls, man sieht Spuren, man erkennt Mechanismen. Es ist keine Weltflucht, es ist Weltkontakt – mit der bekannten Erben-Mixtur aus literarischer Zuspitzung, Theatralik und Intensität.

Das Schöne (und Anstrengende): Man ist als Publikum kein Dekor. Die Saalenergie wird adressiert, gespiegelt, zurückgespielt. Diese Abende machen dich nicht „glücklich“ im trivialen Sinn; sie machen dich wacher. Und ja, danach trinkt man entweder Rotwein oder braucht frische Luft. Beides okay.

Special Guest: Unfarben – Dunkelpop mit Glutkern

Vorprogramm? Vergiss es. Unfarben aus Berlin treten nicht „vor“, sondern „dagegen“ an – im besten Sinne. Victor Hildebrand (Gesang, Keys) und Ben Hayn (Bass) bringen eine Mischung mit, die nach kaltem Neon riecht und doch Herztemperatur hat. Die EP „Woanders“ hat bereits gezeigt, wo die Reise hingeht: tanzbare Schwärze mit minimalistischem Gespür, Melodien, die hängen bleiben, ohne zu schmeicheln, und dieser Bass, der mehr erzählt als mancher Text. Live holt das Duo die Dinge nach vorne, die im Studio zwischen Hallfahnen und Layern lauern: Eruptionen, abrupte Drops, das Gefühl, dass sich eine Zeile im richtigen Moment selbst zersägt. Wer nach dem Set denkt „Synthpop mit Haltung“, liegt richtig. Wer denkt „Industrial mit Gefühl“, auch. Beides stimmt, und beides darf es sein.

Hildebrand singt klar, manchmal brüchig, aber immer fokussiert. Hayn legt Linien, die unter den Songs wie Stahlträger liegen – das gibt Sog, das gibt Gewicht. Der Clou: Unfarben wissen, wann weniger mehr ist. Keine Effekt-Gewitter, keine Gratis-Dramatik. Stattdessen Präzision. Ein Duo, das in diese Tour inhaltlich passt wie ein Spiegel, der auf Kante hängt.

Die Märzdaten 2026: vier Städte, vier Räume, vier Varianten

Kleine Räume, große Wirkung

Vier Abende, vier Atmosphären. Das Rind in Rüsselsheim – traditionell nah dran, clubtauglich, mikrodramatisch. Krefelds KuFa – industriell atmend, sehr geeignet für Lichtrituale und harte Breaks. Die Reithalle Straße E in Dresden – Raumtiefe, in der man Projektionen schwimmen lassen kann. Das Maschinenhaus in Berlin – Theaterflair mit Beton in den Knochen, perfekt für dieses Zwischen-alles und Nichts, in dem die Erben am stärksten sind. Und ja, überall ist Unfarben dabei – das färbt den Abend bereits vor Henke dunkler, aber anders dunkel.

Form & Inhalt: Was erwartet die Ohren?

Kein Nostalgie-Medley, kein „Best of“ mit Autogrammstunde. Eher: Werkschau als Laborsituation. Die Elektronik arbeitet oft wie ein leicht bösartiger Herzschlag; die Gitarren sind keine Wand, sondern Skalpelle; das Cello ist der Stichkanal, durch den die Melancholie in den Saal fließt; die Drums sind teils Beatmaschine, teils Ritual. Dazwischen Sätze, die einem die Schuhe zubinden oder sie einem ausziehen, je nachdem, wo man gerade im Kopf steht. Manche Abende werden härter, andere poetischer – abhängig vom Raum, der Setlist und der Dioptrienzahl der jeweiligen Nacht.

Die Spannweite reicht von neoklassischen Klangflächen über EBM-nahe Stampfer bis hin zu Piano-Momenten, die den Puls runterfahren, bevor jemand wieder am Synth das Gas aufreißt. Clubtauglich? Immer wieder. Museal? Nie. Das ist keine schwarze Gala; das ist Gegenwart mit Kellerluft und Scheinwerferhitze.

Kontext: Das Kapitel „X“ und warum live mehr ist als Resteverwertung

Vielleicht muss man es so sagen: X war das inhaltliche Finale, aber nicht das Ende der Handlungsfähigkeit. Das Album hat die Erben-Welt verdichtet wie lange nichts – sprachlich, thematisch, soundästhetisch. Live setzt das Kollektiv nun anders an: Es öffnet die Schotten und lässt alte Motive gegen neue Störgeräusche laufen. Das Ergebnis ist keine Fortschreibung, sondern ein Abgleich – was bleibt, was verändert sich, was war vielleicht immer schon anders, als wir dachten? Man hört, wie die Band Material zerlegt und wieder zusammenfügt. Man sieht, wie Ida Gross dem Ganzen Bewegungsgrammatik verpasst. Und man merkt, dass hier Menschen am Werk sind, die keine Angst vorm Risiko haben.

Warum hingehen?

Weil es keine zweite Band gibt, die in der deutschen Szene so selbstverständlich Theater, Literatur, Elektronik, Klassik und Industrial in ein Liveformat presst – ohne Pathos-Überhang, ohne Effekt-Inflation, ohne Kitsch. Weil Unfarben als Special Guest kein Wärmespender sind, sondern ein Katalysator. Weil diese Tour in Etappen erzählt wird und man das Gefühl hat, jede Stadt schreibt ein eigenes Kapitel. Und – ganz profan – weil diese Abende schlichtweg gut funktionieren: Der Sound ist präzise, die Dynamik durchdacht, die Dramaturgie packt, die Dramaturgie hält.

Besetzungen im Überblick

Goethes Erben

  • Oswald Henke – Worte
  • Tom Rödel – Keyboards
  • Markus Köstner – Schlagzeug, Metall
  • Benni Cellini – Cello
  • Dome Siemers – Gitarren
  • Cornelius Sturm – Bass

Unfarben

  • Victor Hildebrand – Gesang, Keyboards
  • Ben Hayn – Bass

Fazit in Schwarz, aber mit Glanz

„Dystopie frisst Empathie“ ist eine Tour, die beides kann: Vergangenes feiern, ohne es zu konservieren – und im Jetzt neue Fragen aufwerfen. Man kann das dann kulturkritisch lesen, man kann sich aber auch einfach von Sequencern, Streichern und Sätzen umarmen lassen – auf die rauere Art. Unfarben sind als Special Guest mehr als der Vorhangöffner; sie sind der passende Widerpart, damit der Abend erst knistert. Das Ganze klingt nach Abschied – aber nach einem, der aufrecht geht und die Tür hinter sich leise schließt.

 


Ticket-Links, Termine & Hinweise

  • 12.03.2026 – Rüsselsheim – Das Rind – Hardtickets
  • 13.03.2026 – Krefeld – Kulturfabrik – Hardtickets
  • 14.03.2026 – Dresden – Reithalle Straße E – Hardtickets (URL-Slug-Tippfehler, Event korrekt für 2026)
  • 15.03.2026 – Berlin – Maschinenhaus/Kulturbrauerei – Hardtickets (Produktseite Berlin)

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